Wir widmen uns nun einem der erstaunlichsten Lebensräume unseres Planeten: dem Büro.
Das Büro ist ein rätselhaftes Bermudadreieck, in dem allerlei verschwindet: Kaffeepulver, Milch, Tassen, Kugelschreiber, Vitamin D und der Sinn des Lebens. Es ist ein häufiges Reiseziel von Millionen von Menschen, obwohl es ein karger, trister Ort ist. Ein eigener Kosmos, abgeschottet vom Leben. Seine Entstehung, seine Bewohner, die Spuren, die Menschen dort in vielen Jahren hinterlassen haben: Voller Geheimnisse.
Um die Geheimnisse dieses unter Notarschutz stehenden Gebiets zu ergründen, habe ich mich exklusiv für Sie in diese undurchdringlichen Tiefen gewagt und dabei erstaunliche Beobachtungen gemacht.
Das Bürosphären-Reservat ist ein in sich abgeschlossenes Ökosystem, das äußerst empfindlich auf Störungen von außen reagiert. Es unterliegt zudem starken arbeitsklimatischen Schwankungen. Absenkungen des Arbeitsklimas ergeben sich durch Wachstumsprozesse im Geschirrspül-Becken oder Austrocknungserscheinungen in der Druckerpatronen-Zone. Sprunghafte Erhöhungen des Arbeitsklimas entstehen aus Erosionen im Bereich des Naschipotts und aus der zweiten Wochenhälfte.
Die vielfältige Faula beweist eine enorme Anpassungsfähigkeit an die unwirtlichen Gegebenheiten dieser recht lebensfeindlichen Umgebung. Jede Spezies hat ausgeklügelte Strategien für Tarnung, Angriff oder Flucht perfektioniert. Charles Win-Win beschrieb in seinem Grundlagenwerk über die Entstehung der Smarten für die Büro-Evolution das survival of the fettest.
Entsprechend weit verbreitet ist in diesem Lebensraum der Homo schlafiens. Er besitzt sehr viel schlummerndes Potenzial, das er gelegentlich aktivieren muss. Für gewöhnlich wendet er zum Überleben perfektionierte Techniken der Tarnung an: Zimmerpflanzen, Aktenberge oder Ordnerwände. Der Homo schlafiens ist genügsam. Er benötigt vor allem Ruhe, Kuchen und Internet. Vertreiben kann man ihn vor allem mit Geräuschen, etwa wenn in seiner direkten Umgebung Hamsterräder quietschen oder wenn ein Bürokrat bürokräht.
Der Homo Schlafiens tarnt sich durch seine Nichttätigkeit. So wird er nicht zur Beute der gefährlichen und flinken Flurfunker. Diese lauern meist hinter Türen oder an Telefonhörern. Mit Vorliebe machen sie sich von dort aus auf die Jagd nach Gerüchten. Haben sie ein Gerücht erspäht, fangen sie dieses geschickt mit einer Kaffeeklatsche ein. Flurfunker sorgen durch das hohe Tempo ihrer Jagd für arbeitsklimatische Verwirbelungen, die in hoher Menge zu Vergiftungserscheinungen führen.
Robuste Resistenz gegen die Flurfunker hat neben dem Homo schlafiens einzig der behäbige Morgenmufflon entwickelt. Er stört die Funkfrequenz der Jäger durch tiefes Brummen und wehrt sich gegen die Annäherungsversuche mit aggressiven Blicken.
Ein besonders flinker Bewohner der Bürosphäre ist die Spezies Sekretär. Sie wandelt Telefonanrufe und E-Mails in Energie um. Wie der Name schon sagt, hat ein Sekretär die Aufgabe, in die Bürosphäre zu sekreten, damit die Führungsebene geschmeidig bleibt. Im Gegenzug erhält der Sekretär die für ihn so nährhaften Informationen.
Dominierende Spezies des Bürosphären-Reservats sind die Chefs. Wie der Name bereits verrät, scheffelt der Chef. Die Gattung ist auf den ersten Blick oft kahl und verhärtet, kann aber über längere Zeit durchaus aufgeweicht werden. Die Spezies gedeiht besonders gut, wenn der Durst nach Geld, Anerkennung und Macht gestillt wird, etwa durch sekretetes Geschleime oder durch liquide Mittel. In der oberen Ebene der Bürosphäre finden Chefs durch ihre ausgefahrenen Krallen meist sicheren Halt.
Gefährlich wird es für die Spezies Chef nur dann, wenn sie selbst an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt oder wenn die Wurzeln ihres Organistamms aufweichen. Das kann passieren, wenn das artverwandte Management in den Ebenen darunter zu sehr managemanscht. Diese gefürchtete Spezies durchpflügt die kargen Böden der Bürosphäre und sucht dort nach zu schleifenden Diamanten und Wurzeln des Übels.
Wenn die Böden der Bürosphäre nach dem Managemanschen karg bleiben, können sie erst durch Düngen mit Nachwuchskraft wieder aufgeweicht werden. Nachwuchskraft wird in der Bürosphäre vorrangig gesammelt von der Spezies Personalrat, indem diese personalrät. Sollte auch das nicht ausreichen, kann als letztes Mittel der Einsatz von Praktifanten weiterhelfen. Mit ihrer Fähigkeit, Gepflogenheiten niederzuwalzen und Etiketten zu sprengen, leisten sie einen wertvollen Beitrag zur Stabilisierung der angestammten Faula.
Sie sehen: Wir haben es beim auf den ersten Blick eher eintönig erscheinenden Büro doch mit einer faszinierenden und vielfältigen Landschaft zu tun, deren Komplexität Außenstehende oft überrascht. Es ist mir deshalb eine Herzensangelegenheit, dass der Schutz dieses einzigartigen Lebensraums Büro gestärkt wird. Auch Sie können Ihren Teil dazu beitragen. Spenden Sie gleich morgen. Schon 5 Minuten Arbeitskraft pro Tag reichen.