Nur ein kleiner Schritt. Nur ein kleiner Knack. Nur drei gebrochene Knochen.
Nur ein kleines kaputtes Bein unter Milliarden anderer Beine auf dieser Welt.
Nur das reicht aus, damit meine Welt vorübergehend stillsteht. Die Linie zwischen Alltag und Ausnahmezustand ist so brüchig wie meine Wade. Wieder einmal bin ich krank. Wieder bin ich hilflos. Wieder einmal ist dieser Körper kaputt.
Die Zeit hat sich verändert, seit ich stillstehe. Seit mir die Metallplatten ins Bein gebohrt wurden, zerfleddern die Tage in ungleiche Stücke. Heilen dauert, und die Welt dreht sich weiter. Ich messe die Zeit nicht mehr in Stunden, sondern in Schmerztabletten.
Jede Bewegung wird zu einer strategischen Entscheidung. Der Gang zur Toilette: Eine Expedition. Der Radius meines Körpers hat sich verkleinert auf Kreise zwischen Toilette, Bett und Eisfach. Der Radius meiner Gedanken kreist in größer werdenden dunklen Schneisen.
Die Wände meiner Wohnung sind nun die Grenzen meines Universums geworden. Sechs Wochen sind nichts und doch alles. Nur ein Wimpernschlag im Verlauf eines Jahres. Doch auch ein verpasster Frühling. Keine Schneeglöckchen, keine Krokusse, keine Kirschblüten. Stattdessen Spritzen, Krücken und Kühlbeutel.
Ich flüchte mich hinter das beleuchtete Pixelquadrat in meiner Hand. Stundenlang saugt mich der kleine Bildschirm in seinen Kosmos. Mein Daumen wischt sich von einem Leben ins nächste. Die dunklen Wolken in meinem Kopf wischt er nicht weg. Endlose Feeds voller glücklicher Menschen. Sie wandern auf Bergen, tanzen auf Festivals, umarmen sich an Stränden. Mein Körper auf dem Sofa verwandelt sich indessen in achtzig Prozent Fett.
In der Pixelwelt reden sie über alles und nichts, nur nicht über das echte Leben. Ihre Smoothies und Fastenkuren heilen meine Frakturen nicht. Ich gehöre nicht in diese Welt hinter der Scheibe. Es gibt dort zu viele, die mir sagen, wie ich sein soll. Und zu wenige, die mir zuhören, wenn ich ihnen sage, wie ich bin. Ich schaue dem Schein von außen zu, unperfekt fett und krank auf der Couch.
Die Fernsehnachrichten leisten mir Gesellschaft. Sie berichten über Migration, Aggression, Bedrohung. Nicht über die Menschen mit Akzent, die mir nach der Narkose beim Pinkeln halfen. Nicht über die Menschen mit Akzent, die mir singend Frühstück ans Krankenbett brachten.
Ich habe Angst. Angst, die tiefer sitzt als der Schmerz in meinem Bein. Angst vor Abhängigkeit. Angst vor dem Ausgeliefertsein. Angst davor, dass man mir den chronisch und psychisch kranken Körper ansieht. Angst davor, dass mein Name irgendwann auf einer Liste stehen wird. Angst davor, dass niemand hinsieht, wenn es passiert.
Sie „werden sie jagen“ schallt es aus dem Flimmerkasten. „Sie“, das sind wir alle, die wir vermeintlich schwach sind. Wir alle, die wir nicht in ihr perfekt passen. Ich weiß, dass ich nicht weglaufen kann. Kläglich würde ich von ihnen wegkrücken und am Ende trotzdem gefangen werden.
Wenn sie nur wüssten, dass sie auch schwach sind. Sie, die Lauten, die mit den erhobenen Fäusten und den scheppernden Stimmen. Auch anfällig für Unglück, auch hilflos gegen Krankheit. Genauso anders wie alle anderen Anderen. Wenn sie nur wüssten, dass auch ihre Zellen irgendwann in Tod und Asche zerfallen werden.
Schreien ist kein Heilmittel.
Ein Knopfdruck und der Bildschirm wird so schwarz wie die Wolken in meinem Kopf. Die Dunkelheit ist ein seltsamer Freund geworden. Sie urteilt nicht. Sie erwartet nichts. Sie ist einfach da. Wie ich.
Mein Sonnenfänger vorm Fenster zersplittert den Nachmittag auf meine weißen Wände. Hundert tanzende Regenbogenflecken. Hundert kleine Ausflüge in die Fantasie. Eine Meise tschirpt leise auf dem Fensterbrett und fliegt dann federleicht davon. Ich bin neidisch. Wenn sie sich den Fuß brechen würde, könnte sie immer noch fliegen.
Wenn Menschen Flügel hätten, würden sie sich die schnell gegenseitig stutzen. Mit Worten und Zeigefingern. Mit der Schere in ihren Köpfen. So lange, bis wir vergessen hätten, dass wir einmal fliegen konnten.
Du kannst nicht. Schnipp.
Du darfst nicht. Schnapp.
Sowas macht man nicht. Schnipp.
Du bist doch ein Mädchen. Schnapp.
Du bist doch ein Junge. Schnipp.
Warum bist du so. Schnapp.
Mein Löffel rührt den Kaffee, mein Kopf die dunklen Gedanken. Der Kaffee ist längst kalt geworden. Am Tassenrand hängt Milchpelle. Die Welt zieht vorbei, und ich bin der unbewegliche Punkt in ihrer Mitte. Hinter meinem Fenster heile ich. Vor meinem Fenster eilen die Menschen. Jeder durch sein eigenes Leben und seine eigenen Sorgen. Wie viele von ihnen haben gebrochene Herzen? Wie viele gebrochene Flügel?
Ich bin nicht so wichtig, dass ich einen Unterschied mache. Nur ein kleiner Tropfen in dem großen Strudel. Nur eine kleine Ameise mit etwas zu wenig Bein in einem Riesengewusel.
Ich muss auch nicht wichtig sein. Ich muss nur da sein. Mit meinen gebrochenen Teilen und mit meinen heilen. Ich bin kein Opfer, obwohl ich gebrochen bin. Scherben sind scharf. Jeder meiner Splitter sendet ein eigenes ‚Hier bin ich und ich warne dich!‘ in die Welt.
Sie können mich jagen.
Sie würden mich fangen.
Sie könnten mich töten.
Und ich bliebe da.
Wenn sie mich verbrennen, nähme ich ihnen immer noch Luft weg.
Wenn sie mich vergraben, drängelte ich mich als Humus wieder in ihre Gräben. Meine Atome können sie nicht auslöschen, egal wie sehr sie es wollen. Weil ich zurückkehren werde. Zu Staub. Asche. Erde. Luft.
Meine Scherben – vielleicht dann ein Baum. Eine Vogelflügel. Ein anderer Mensch. Mein Blut könnte Tinte werden, meine Haut zu Papier, meine Knochen zu Stiften, die neue Geschichten schreiben.
Ob SIE wollen oder nicht:
Ich. Bin. Da.
Ob ICH will oder nicht:
Ich. Bin. Da.
Vielleicht bin ich leise.
Und ganz sicher bin ich langsam.
Aber ich bin da.
Und irgendwie bewegt mich das.
Bis zum nächsten kleinen Schritt.
Bis zum nächsten kleinen Knack.
Durch diese große, gebrochene, schöne Welt.
Die unsichtbare Mauer
Die Realität in der DDR war, dass Worte gefährlich waren. Nicht einmal die eigenen Wohnzimmergardinen boten Schutz. Also lernten die ummauerten Menschen 45 Jahre lang, möglichst viel Inhalt da hin zu packen, wo er nicht direkt gehört wird. Offene Worte waren Gefahr. Es drohten nicht zwingend Gefängnis und Folter, sondern vor allem gesellschaftliche Ächtung - keine Wohnung, kein Kitaplatz, keine Arbeit, schlimmstenfalls weggesperrt werden.
Es ist nicht verwunderlich, dass dies bis heute tiefgreifend die Verständigung der Menschen geprägt hat. Doch erst jetzt wird mir bewusst, wie viel das erklärt und wieviel da ungehört ist. Diese Vorsicht mit dem Aussprechen von Worten ging in Fleisch und Blut über. Gefühle wurden in Gesten und Taten verpackt, Kritik in gezieltes Schweigen gekleidet, Liebe in praktische Dinge übersetzt.
In meiner Familie beherrschen wir bis heute das Wörterbuch ungesagter Worte perfekt. Und so steht bei uns das Bitten um Hilfe hinter unverfänglichen Fragen. Die Wut hüllt sich in trotzige Untätigkeit. Die Liebe steckt in gekauften Dingen. Nicht in Worten. Ich hatte nie ein „Ich bin stolz auf dich.“ Aber oft ein „Ich habe dir was mitgebracht.“
Die laute Rauheit und der geballte Frust in den ostdeutschen Bundesländern sind nichts anderes als der Ausbruch dieser stillen Mauer aus zu lange ungehörten Bedürfnissen. In die Zeilen der ostdeutschen Luft sind viele Wünsche geschrieben.
„Ich möchte auch an der gesellschaftlichen Entwicklung teilhaben“, zum Beispiel. „Ich möchte anerkannt werden für das, was ich geleistet habe.“
„Ich möchte in einer Stadt wohnen, in der es Leben gibt.“ „Ich möchte nicht meine Heimat verlassen müssen, um Wohlstand aufzubauen.“ „Ich möchte, dass meine Kindheitserinnerungen auch zur Nation gehören.“
Wir haben die Mauern aus Stein niedergerissen, aber nicht die unsichtbaren Mauern aus unausgesprochenen Worten.
Die gepflückten Botschaften
Ein ganzes halbes Land liegt im Dornröschenschlaf unter dornengespickter Luft voll unausgesprochener Gedanken. Begrenzt von alten Mauern und vergessenen Wünschen. Betäubt von Jahrzehnten des Schweigens. Ohne es selbst zu wissen.
Es ist halt einfach so, dass Dinge nicht besprochen werden, weil es gefühlt alles nur schlimmer macht. Dass man nicht gehört wird, obwohl man seine Wünsche doch so laut schweigend in die Luft gelegt hat. Dass man ausgelacht wird, wenn man reden möchte. Geht doch jedem so.
Nein, tut es nicht. Und es ist nicht Aufgabe all eurer Kinder, eure ungesagten Worte zu pflücken. Wir, die Kinder des Übergangs, sind nur Wanderer zwischen den kristallklar gesagten westlichen Worten und den kühlschweigenden Lücken des Ostens. Wir sind zu jung, um die alte Angst ganz zu verstehen und zu alt, um sie einfach abzuschütteln. Meine Muttersprache ist das gefüllte Schweigen, aber ich kann es in fließende Worte übersetzen.
Wo Ost und West aufeinandertreffen, bleiben beide Seiten viel zu oft ratlos. Der Westen deutet das Schweigen als Desinteresse. Der Osten deutet das Reden als Angriff. Beide haben recht. Beide liegen falsch. Es ist unmöglich, gleichzeitig nach Osten und nach Westen zu gehen. Aber es ist möglich, sich in einer Mitte zu treffen.
Lieber Osten: Rede! Ich weiß, es braucht unendlichen Mut, Worte auszusprechen, die so lange verschluckt wurden. Aber sei mutig. Hör auf, dich hinter den schweigenden Botschaften zu verstecken. Pflück das Ungesagte und bring es als Worte in die Welt.
Lieber Westen: Lausche! Lerne das laute Schweigen zu lesen. Sei mutig. Frag nach. Halte aus, wenn die ersten Worte holprig kommen. Denn hinter dem Schweigen liegen so viel Potenzial, so viel ungehörte Weisheit, so viel Mut und Feinsinn.
Und vielleicht kommen wir am Ende endlich zu einer gemeinsamen Erzählung.