Erste Worte

Ich wurde in der DDR geboren. Die Wende kam noch vor meiner Einschulung. Nach dem Abitur bin ich weggezogen, wie so viele andere, ab in den Westen.

Erst dort kamen die Worte, im Laufe vieler Jahre. Mit dem Kennenlernen anders geprägter Menschen. Mit ihren benannten Gefühlen. Mit den direkt ausgesprochenen Wünschen. Mit Konflikten, die mit Worten statt mit Schweigen gelöst wurden.

Ich lernte Sätze zu sagen wie: „Ich möchte das nicht.“ „Ich wünsche mir das.“ „Mir geht es nicht gut damit.“ „Lass uns das anders machen.“ Sätze, die in meiner alten Heimat wie eine Fremdsprache klangen. Solche Worte wohnten in meinem ostdeutschen Zuhause in einem unsichtbaren Raum, den wir gut verschlossen hatten.

Ich dachte lange, dass es nur mir so ginge. Dass es meine ganz persönliche Familiengeschichte wäre. Doch auf seltsame Art und Weise scharten sich die im Osten geborenen und im Westen lebenden Menschen um mich. Obwohl ich sie nicht gezielt suchte und obwohl es niemandem anzusehen ist, wo er geboren wurde.

Jetzt weiß ich, was uns zueinander hingezogen hat: Die Perfektion im Lesen unsichtbarer Appelle. Die stillen Botschaften, mit denen wir uns schon längst unterhalten haben, bevor wir uns unterhalten haben. Es ist ein anderes Zuhören. Es ist ein anderes Auf-Menschen-Reagieren. Es fühlt sich heimelig an, sich in den Atem des Ungesagten einzuwickeln.

Die unsichtbare Mauer

Die Realität in der DDR war, dass Worte gefährlich waren. Nicht einmal die eigenen Wohnzimmergardinen boten Schutz. Also lernten die ummauerten Menschen 45 Jahre lang, möglichst viel Inhalt da hin zu packen, wo er nicht direkt gehört wird. Offene Worte waren Gefahr. Es drohten nicht zwingend Gefängnis und Folter, sondern vor allem gesellschaftliche Ächtung - keine Wohnung, kein Kitaplatz, keine Arbeit, schlimmstenfalls weggesperrt werden.

Es ist nicht verwunderlich, dass dies bis heute tiefgreifend die Verständigung der Menschen geprägt hat. Doch erst jetzt wird mir bewusst, wie viel das erklärt und wieviel da ungehört ist. Diese Vorsicht mit dem Aussprechen von Worten ging in Fleisch und Blut über. Gefühle wurden in Gesten und Taten verpackt, Kritik in gezieltes Schweigen gekleidet, Liebe in praktische Dinge übersetzt.

In meiner Familie beherrschen wir bis heute das Wörterbuch ungesagter Worte perfekt. Und so steht bei uns das Bitten um Hilfe hinter unverfänglichen Fragen. Die Wut hüllt sich in trotzige Untätigkeit. Die Liebe steckt in gekauften Dingen. Nicht in Worten. Ich hatte nie ein „Ich bin stolz auf dich.“ Aber oft ein „Ich habe dir was mitgebracht.“

Die laute Rauheit und der geballte Frust in den ostdeutschen Bundesländern sind nichts anderes als der Ausbruch dieser stillen Mauer aus zu lange ungehörten Bedürfnissen. In die Zeilen der ostdeutschen Luft sind viele Wünsche geschrieben.

„Ich möchte auch an der gesellschaftlichen Entwicklung teilhaben“, zum Beispiel. „Ich möchte anerkannt werden für das, was ich geleistet habe.“
„Ich möchte in einer Stadt wohnen, in der es Leben gibt.“ „Ich möchte nicht meine Heimat verlassen müssen, um Wohlstand aufzubauen.“ „Ich möchte, dass meine Kindheitserinnerungen auch zur Nation gehören.“

Wir haben die Mauern aus Stein niedergerissen, aber nicht die unsichtbaren Mauern aus unausgesprochenen Worten.

Die gepflückten Botschaften

 Ein ganzes halbes Land liegt im Dornröschenschlaf unter dornengespickter Luft voll unausgesprochener Gedanken. Begrenzt von alten Mauern und vergessenen Wünschen. Betäubt von Jahrzehnten des Schweigens. Ohne es selbst zu wissen.

Es ist halt einfach so, dass Dinge nicht besprochen werden, weil es gefühlt alles nur schlimmer macht. Dass man nicht gehört wird, obwohl man seine Wünsche doch so laut schweigend in die Luft gelegt hat. Dass man ausgelacht wird, wenn man reden möchte. Geht doch jedem so.

Nein, tut es nicht. Und es ist nicht Aufgabe all eurer Kinder, eure ungesagten Worte zu pflücken. Wir, die Kinder des Übergangs, sind nur Wanderer zwischen den kristallklar gesagten westlichen Worten und den kühlschweigenden Lücken des Ostens. Wir sind zu jung, um die alte Angst ganz zu verstehen und zu alt, um sie einfach abzuschütteln. Meine Muttersprache ist das gefüllte Schweigen, aber ich kann es in fließende Worte übersetzen.

Wo Ost und West aufeinandertreffen, bleiben beide Seiten viel zu oft ratlos. Der Westen deutet das Schweigen als Desinteresse. Der Osten deutet das Reden als Angriff. Beide haben recht. Beide liegen falsch. Es ist unmöglich, gleichzeitig nach Osten und nach Westen zu gehen. Aber es ist möglich, sich in einer Mitte zu treffen.       

Lieber Osten: Rede! Ich weiß, es braucht unendlichen Mut, Worte auszusprechen, die so lange verschluckt wurden. Aber sei mutig. Hör auf, dich hinter den schweigenden Botschaften zu verstecken. Pflück das Ungesagte und bring es als Worte in die Welt.

Lieber Westen: Lausche! Lerne das laute Schweigen zu lesen. Sei mutig. Frag nach. Halte aus, wenn die ersten Worte holprig kommen. Denn hinter dem Schweigen liegen so viel Potenzial, so viel ungehörte Weisheit, so viel Mut und Feinsinn.

Und vielleicht kommen wir am Ende endlich zu einer gemeinsamen Erzählung.